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Dieses Bekenntnis drucken wir mit freundlicher Erlaubnis des Autors aus dem Buch „Staffelübergabe“ (S. 11-18 ) von Eberhard Platte ab (ISBN: 978-3-947405-01-5). Wir möchten die gesamte Buchreihe (drei Bände) herzlich empfehlen. Die Redaktion

Um deines Namens willen, HERR, vergib mir meine Schuld, denn sie ist groß“ (Psalm 25,11)

Ja, ich muss mich von ganzem Herzen vor Gott beugen und Buße tun. Aber auch vor meinen Geschwistern der Gemeinde und dort vor allem vor der jungen Generation! Ich werde älter (oder besser gesagt: Ich bin alt!), und meine Gedanken gehen zu meinen jungen Brüdern und Schwestern, die das geistliche Erbe der Väter, die Gemeinde, fortführen werden. Was kann ich ihnen weitergeben? Und was habe ich ihnen bisher weitergegeben? Werden sie damit das wunderbare Geschenk unseres Herrn Jesus Christus, seine Gemeinde, in ihrer Zeit weiterleben können nach den Gedanken unseres Herrn? Die Generation vor mir hatte das schwere Erbe des Krieges und des Wiederaufbaus zu stemmen. Sie hatte hautnah miterlebt, wie vermeintliche Weltbilder zerschlagen wurden, wie Illusionen zerplatzten und wie sie sich neu anhand des Wortes Gottes ausrichten musste. Flucht, Vertreibung, Tod, Leid und viel Elend haben die Christen damals erlebt. Das war nicht einfach, in den Trümmern der Heimat und der verlorenen Heimat an ihrem Glauben festzuhalten und sich als Gemeinde zu versammeln. Ich mache jener Generation keinen Vorwurf, dass manches nach heutigen Maßstäben und Erkenntnissen nicht unserem Bibelverständnis entsprochen haben mag. Aber sie haben sich aufrichtig bemüht, Gemeinde nach dem Neuen Testament zu leben.

Die nachfolgende Generation – also meine – beneide ich ebenso wenig. Wir mussten uns auseinandersetzen mit Kapitalismus und Wirtschaftswachstum, dem Hinterfragen aller Werte und Konventionen, den Ideologien der 68er-Generation, der freien Liebe, einem nie dagewesenen Wertewandel und der Relativierung der Wahrheit. Dazu im geistlichen Bereich die Auswirkungen der modernen Theologie und der Entmythologisierung der Bibel, die Frage der Ökumene, die Entwicklung der neuen Medien und die Neuorientierung in der Kunst und Musik. Wo stehen wir heute und wohin wird die Reise gehen?

Wie wird die nächste Generation ihren Weg finden und trotzdem ganz nahe bei der Bibel bleiben können? Sie wächst in einer stark säkularisierten Welt auf. Wie soll sie ihre Kinder erziehen und vor zerstörerischen Weltbildern (wie sexueller Vielfalt1 und Gender-Mainstreaming2), vor Bibelkritik und Evolutionstheorie, vor Islamisierung und Esoterik, vor Gleichgültigkeit und Gesetzlichkeit bewahren? Was kann sie auf die Herausforderungen der emergenten3 und missionalen4 Gedankengänge wie auf die der Kontextualisierung5 und Transformationsbestrebungen6 des heutigen Bibelverständnisses entgegnen? Wie kann die Gemeinde den Gläubigen der nächsten Jahre helfen, ihnen Orientierung geben und sie stark machen, in einer immer schwierigeren Welt die Werte des Wortes Gottes und den Glauben an den wiederkommenden Herrn aufrecht zu halten?

Wie kann in einer Zeit, in der Bibeltreue mit gewaltsamem Fundamentalismus gleichgesetzt wird, das Evangelium weitergesagt werden und Mission in unserem Land praktiziert und Menschen für Jesus gewonnen werden?

Ein Blick in meinen Rückspiegel

Ich habe viel in meinem Glaubensleben versäumt, obwohl ich viel für meinen Herrn und für die Gemeinde – örtlich wie überörtlich – getan habe. Mit neun Jahren habe ich mich nach einer Predigt des Evangelisten Ewald Rau, dem Vater des späteren Bundespräsidenten Johannes Rau, bekehrt. Er hatte über die kommende Entrückung (1. Thessalonicher 4,13-18) gepredigt. Ich hatte Angst, nicht dabei zu sein. Und so hab ich an dem Abend vor meinem Bett gekniet und den Herrn Jesus gebeten, mich mitzunehmen, wenn er kommt. Nun, die Erfüllung dieser kindlichen Bitte steht bis heute noch aus. Und doch weiß ich, dass ich in diesem Gebet ihn gebeten habe, dass er in mein Leben kommt, mein Herz reinwasche von meinen Sünden und dass er mein Herr sein und bleiben möge. Erst später habe ich verstanden, dass ich ein großer Sünder bin. Dann erst habe ich die Größe des Werkes auf Golgatha wirklich verstanden. Als ich mit 18 Jahren noch einmal eine bewusste Hinwendung und Lebensübergabe an meinen Herrn und Retter vollzog, hatte ich den Wunsch, von nun an ihm zu dienen und für ihn da zu sein. Dabei wurde mir die örtliche Gemeinde und die Jugendarbeit sehr wichtig. Auch mit meiner Begabung und meinem späteren Beruf als Grafik-Designer wollte ich dem Herrn Jesus dienen. Und ich bin ihm von Herzen dankbar, dass er mich gebraucht hat.

Bald jedoch merkte ich, dass ich das Wort Gottes nicht gut genug kannte, um die Fragen der Jugendlichen der Gemeinde anhand der Bibel erklären zu können. So fragte ich meinen Vater, ob ich eine Bibelschule besuchen solle, um möglichst schnell in meiner Bibel zuhause zu werden. Er riet mir aber davon ab: „Besuche regelmäßig die Bibelstunden und Gottesdienste der Gemeinde, nimm an Konferenzen und Bibelwochen und -seminaren teil. So wirst du zwar langsamer, aber intensiver im Glauben und gleichmäßig in deiner Bibel wachsen. Mit einer Bibelschulzeit wächst zwar dein Wissen schneller, aber dein Glaubensleben wird hinterherhinken. Die Bibel darf man nicht nur im Kopf haben, sondern sie muss im Herzen verankert sein, um sie im täglichen Leben praxisnah umsetzen zu können.“

Zunächst habe ich diesen Rat nicht recht verstanden. Doch im Nachhinein muss ich sagen, dass dieser Rat meines Vaters sehr weise gewesen ist. Ich habe zwar später selbst an einer Bibelschule als Gastdozent unterrichtet, jedoch ist mir aufgefallen, dass an vielen Bibelschulen zwar sehr gutes biblisches Wissen vermittelt wird, aber kaum ein wirklich biblisches Gemeindebild gelehrt wird. Warum? Da diese Schulen vielen verschiedenen Gemeinderichtungen dienen wollen, möchten sie es sich offenbar nicht mit ihnen verderben, indem sie deren jeweilige Gemeindepraxen kritisch anhand der Bibel hinterfragen. Das aber verhindert, dass Gemeinden entstehen, die bemüht sind, sich allein auf der Grundlage des Wortes Gottes zu versammeln. Dadurch bleiben die unterschiedlichen Gemeindeformen bestehen, bzw. es entstehen Freikirchen, die sich in der Lehre mehr und mehr angleichen. Es entstehen häufig demokratisch gewählte Strukturen, wie man sie vom Vereinswesen kennt. Die Predigt- und die Seelsorgedienste werden zunehmend zu einem Berufsstand und stehen damit in der Gefahr, klerikal wie die Amtskirchen zu werden.

Wie aber kann Gemeinde nach dem Neuen Testament der nächsten Generation vermittelt werden? An diesem Punkt habe ich – und ich glaube, viele mit mir aus meiner Generation – Entscheidendes versäumt! Ja, ich habe mit der Hilfe meines Herrn den Dienst in der Gemeinde getan. Er hat geholfen, zu predigen und zu evangelisieren, missionarisch-diakonisch zu arbeiten, seelsorgerlich zu dienen, Konferenzen und Bibelwochen und Seminare zu organisieren und durchzuführen – aber ich habe den Eindruck, dass ich versäumt habe, „Jünger zu machen“, d.h. Einzelne der nächsten Generation persönlich heranzubilden (wie Paulus einen Timotheus), damit sie selbständig Gemeinde bilden und leben kann.

Deshalb möchte ich meinen Herrn um Vergebung bitten für das, was ich versäumt habe. Und ebenso möchte ich die junge Generation bitten, mir zu vergeben.

Und noch ein paar Fragen, die mich bewegen

Diesen Abschnitt, der mich bewegt, habe ich bereits in meinem letzten Buch „Gesunde Gemeinden wachsen“ behandelt, aber er ist mir nach wie vor so wichtig, dass er auch hier noch einmal genannt werden soll: Die allgemeine Situation unserer Gemeinden in unserem Land bzw. in Europa. Unser Land und unser Volk stehen in einem starken Umbruch. Strukturen verändern sich und Werte werden über Bord geworfen. Alles wird digitalisiert und vernetzt, der Mensch wird zunehmend transparent, kontrollierbar, manipulierbar. Jeder meint, frei zu sein – und ist doch Opfer des allgemeinen Mainstreams. Political correctness, individuelle Wahrheit, intolerante Toleranz, kontrollierte Meinungsfreiheit. Wer etwas gegen den Zeittrend sagt, gilt schon gleich als phobiegefährdet, fundamental ultrakonservativ und damit allgemeingefährlich und wird misstrauisch beäugt. Man nimmt sich alle Freiheiten – und ist doch nicht frei, was man denken und äußern darf.

Das, was sich in den letzten vierzig Jahren in unserem Land, in Europa und der Welt vollzieht, ist nicht ohne Einfluss auf unsere Gemeinden geblieben. Auch hier, im evangelikalen Umfeld, werden die Gläubigen vom allgemeinen Mainstream geprägt. Wenn vielleicht auch um ein paar Jahre versetzt, doch ebenso unaufhaltsam und gefahrvoll.

Wo sind die Christen, die sich allein an Gottes Wort, der Bibel, orientieren und ihre Stimme erheben? Die mutig gegen den Zeitgeist einstehen und Flagge zeigen? Die nicht mit jeder neuen christlichen Welle mitschwimmen, aber auch nicht nur auf überkommenen Traditionen beharren?

Weshalb wird so viel von Gemeindewachstum und -methoden geschrieben und gesprochen? Und doch sterben zunehmend Gemeinden in unseren Breitengraden. Warum kommen so wenige Menschen zum lebendigen Glauben? Warum zerbrechen Gemeinden an nebensächlichen Punkten oder an Gleichgültigkeit und Laufenlassen? Oder sie wachsen vermeintlich wie Krebsgeschwüre der Aktionen und Programme? Warum sind dabei so viele Gemeinden krank an Zwistigkeiten und falschen Lehren?

Was sagt die Bibel dazu? Wie können wir auch heute Gemeinde nach dem Vorbild und den Aussagen der Bibel leben? Wie werden und wie bleiben unsere Gemeinden gesund?

Fragen, die mir zunehmend auf dem Herzen brennen. Wir wollen uns in diesem Buch eingehend damit befassen. Weshalb stagnieren so viele Gemeinden? Warum ist vielerorts so wenig geistliche Motivation bei Gemeindegliedern und -mitarbeitern festzustellen? Liegt es an der „Endzeit“ oder an dem „harten Boden“ oder an der Säkularisierung unserer Umwelt?

Was sagt die Bibel, Gottes Wort, über den Plan Gottes mit seiner Gemeinde? Was sagt der Sohn Gottes selbst über seine Gemeinde? Was ist die Basis und was sind die Säulen, was können wir von den ersten neutestamentlichen Gemeinden lernen? Was sind ihre Kennzeichen gewesen und was waren ihre Ziele, die sie verfolgten?

Haben wir diese Ziele in den vergangenen Jahren aus den Augen verloren? Sind diese Ziele auch heute noch realisierbar und wie können wir sie praktisch umsetzen? Dazu ist es notwendig, dass wir eine kritische Diagnose unseres eigenen Glaubenslebens und unserer Gemeinden vornehmen und herausfinden, was sie krank macht bzw. wo ihre Wachstumsstörungen liegen.

Nur Gesundes wächst. Wie aber können unsere Gemeinden gesunden? Was sagt die Schrift über die gesunde Lehre, über gesunden Glauben, gesunde Ehen, Familien und Beziehungen?

Deshalb möchte ich mit diesem Buch versuchen, Versäumtes nachzuholen. Ich möchte in den folgenden Kapiteln aufzeigen, was dazu gehört, um Gemeinde nach dem Neuen Testament auch in der nächsten Generation praktisch werden zu lassen, ohne all den säkularen und theologischen Einflüssen zu erliegen. Ich möchte aufzeigen, was den Männern Gottes vor mir aus der Bibel groß geworden ist. Und ich möchte meine Gedanken anfügen, die mir in all den Jahren in Bezug auf das Wunder der Gemeinde wichtig geworden sind.

Vielleicht ist es möglich, dass die verantwortlichen Brüder in den Gemeinden anhand dieses Buches mit jungen Brüdern ein Jüngerschafts-Programm beginnen, damit diese wiederum junge Brüder schulen können. So wie der Apostel Paulus es seinem Jünger Timotheus in seinem letzten Brief als Vermächtnis hinterlassen hat: „Du nun, mein Kind, sei stark in der Gnade, die in Christus Jesus ist; und was du von mir in Gegenwart vieler Zeugen gehört hast, das vertraue treuen Menschen an, die tüchtig sein werden, auch andere zu lehren!“ 2. Timotheus 2,1-2. Das ist mein Wunsch und mein Traum.

Fußnoten

  1. Die Initiativen dieser Gesinnung treten für die Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt ein. Vom Berliner Senat wurde dieses Konzept bereits 2010 angenommen. In mehreren Bundesländern sind die Aktionspläne inzwischen genehmigt worden und werden in den Lehrplänen der Schulen umgesetzt. ↩︎
  2. Strategie zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter. Der englische Ausdruck gender bezeichnet das soziale oder psychologische Geschlecht einer Person im Unterschied zu ihrem biologischen Geschlecht (engl. sex). Gender wird mithin als durch Menschen gemachte, soziale Realität gesehen und nicht als natürlich gegebenes Faktum. Sowohl im Recht der Europäischen Union als auch im nationalen Verfassungsrecht und in Bundesgesetzen in Deutschland ist aktive Gleichstellungspolitik verankert, die im Sinne des Gender-Mainstreaming interpretiert wird. ↩︎
  3. Eine dezentrale Bewegung von verschiedenen Christen, die in Kirchen und Gemeinden auf die Herausforderungen der Postmoderne reagieren. Die Emerging Church (lat. emergere = auftauchen, zum Vorschein kommen) erstrebt eine angepasste Kirche des 21. Jahrhunderts. Besondere Namen der Bewegung: Peter Aschoff, Mike Bischoff, Christina Brudereck, Martin Dreyer, Tobias Faix, Johannes Reimer. ↩︎
  4. Ausgehend von einer falsch verstandenen Jüngerschaftslehre, nach der die Gemeinde die ganze Welt, ganze Volksgruppen und Nationen kollektiv für Christus gewinnen und zu Jüngern machen müsse. Besonderer Name der Bewegung: Brian D. McLaren ↩︎
  5. Bemüht sich die Kirchen und Gemeinden an die Kulturen und Religionen der Welt anzupassen. Die Anschauung wurde in Kreisen des liberal-ökumenischen Weltrates der Kirchen entwickelt und später von der evangelikalen Theologie übernommen. Sie dringt heute mehr und mehr auch in bibeltreue Kreise ein. ↩︎
  6. Falsche Missionslehre, nach der es die Aufgabe der Gemeinde sei, in die Welt zu gehen und sich mit der Welt zu verbinden, um die Welt religiös, sozial und politisch zu „erlösen“, zu „versöhnen“ und zu „transformieren“, also zu verändern. ↩︎